Pannon.Hochstand-Ausstellung, 2002 (Fotocollage, Aquarell auf Karton, 60x80)
Pannon.Hochstand-Ausstellung, 2002 (Fotocollage, Aquarell auf Karton, 60x80)

Ein Gespräch im Sommer 1997:
 
EIN PANNONE SEIN
 
Was ist der pannonische Hochstand, wo fanden Sie ihn?
 
Seit vielen Jahren fahre ich nach Pannonien, von Wien kom-
mend, über das Leithagebirge zum Neusiedlersee. Jenseits
von St. Margarethen, von einer letzten Hügelkette aus, öffnet
sich dem Auge das weite, flache Uferland des pannonischen
Meeres: Schilffelder und Weinanbauflächen, ockerfarben und
maigrün je nach Jahreszeit - und mittendrin ein Hochstand,
auf der Grenze zwischen Wein und Schilf. Der hat es mir
angetan. Ich stieg hinauf und hatte eine Übersicht über die
Weite der Gegend,
 
Was ist PANNONISCH?
 
PANNONISCH ist für mich eine Metapher für Beziehungen:

das Reed auf meinem Hausdach am Rande des Teufels-
moores ist in Pannonien gewachsen, ökologische Bedingun-
gen, zum Beispiel für Störche, sind in beiden Gegenden
ähnlich gewesen - das sind zwei sachliche Argumente.
Das Hinausschauen über das Gewohnte von einem eher
wackeligen Gerüst ist mir ein Sinnbild für die Kunst. In
schwindelnder Höhe Neben- und Quergedanken haben,
assoziieren, auf ungewohnte Perspektiven und Zusammen-
hänge stoßen, auch neue Nachbarschaften stiften zum
Beispiel von Materialien, Farben (zum Beispiel Seidenpapier,
die Farbe Indigo, Eibenholz...) mit einem Wort alles, was sich
eignet, poetische Beziehungen einzugehen, das ist
PANNONISCH. Aber es ist auch noch etwas anderes, etwas,
was man nicht erklären muß.


Die ursprünglichen Funktionen eines Hochstandes dienen der
Grenzabsicherung und der Jagd. Haben Sie in Zusammenhang
mit Ihrem Hochstand auch daran gedacht?
 
Natürlich habe ich daran gedacht, aber ich habe von Anfang an
darüber hinaus gedacht. Verfolgung, Abgrenzung und Tötung
kann man vom Menschsein nicht einfach ausklammern. Die
Ereignisse von 1989, als Bürgerinnen der damaligen DDR ihr
Land unter schrecklichen Umständen über Ungarns, Öster-
reichs und damit Pannoniens Grenzen verließen, um in den
Westen gelangen zu können, verstärkten meinen Wunsch, in
meiner pannonischen Kunst den Grundgedanken von Freiheit
und Individualität einen besonderen Ausdruck zu verleihen.
 
Seit wann arbeiten Sie am pannonischen Hochstand?
 
Im Frühjahr 1990 bin ich dem Hochstand in Pannonien erst-
mals begegnet. Es war die Liebe auf den ersten Blick. Meine
damals aktuelle Kunst, hauptsächlich Malerei und Radierung,
auch Objekte und Collagen, hatte sich mit dem Problem der
Balance zwischen Abbildlichkeit und autonomer Malerei
befasst. Der PANNONISCHE Hochstand hat die Perspektive
wesentlich verändert. Ich hatte plötzlich ein Thema, aber kein
literarisches oder politisches oder sonst irgendwie zeit-
geistiges, sondern so etwas wie einen roten Faden, der mir
geeignet erschien, mich durch das Labyrinth der unendlichen
Möglichkeiten zu führen.
 
 
Welche Inspirationen beziehen Sie vom PANNONISCHEN
Hochstand?
 
Die meisten Requisiten, Inspirationen, waren schon vorher im
Spiel, aber durch den Hochstand hat es sozusagen seinen Ort
gefunden. Jeder Mensch braucht einen inneren Ort, aber es
wird immer schwieriger, einen zu finden. Immer schon hat
mich das Prinzip der „Russischen Puppe" interessiert, aber
ein Hochstand im Hochstand im Hochstand... ist eben nicht
irgendetwas. Oder 1+1=3, womit ich meine, dass ein Lolli
mit Eibenstab ein übergeordnetes Neues ergibt und mehr ist
als die Summe der Ingredienzien. Oder ein Schmuck-
schächtelchen mit Beton gefüllt, in den ein Hochstand geritzt
oder ein Lolli eingelegt wird...
Die erste Mütze dieser Art ist bereits 1974 entstanden, aber
durch den PANNONISCHEN Kontext hat sie ihre wahre
Adelung erfahren. Mütze, Seidenpapier, die Farbe Indigo,
Stäbe für ein Hochstandmodell, Stempel und Kissen
(PANNONISCH), Eibenholz usw. in einem Holzkoffer sind
unverzichtbare Requisiten eines PANNONEN, wenn er oder
sie zu Werke zieht.
Sie sehen, dass jeder, der sich derartig wappnet, sein
Pannonien finden kann, wenn er oder sie den Funken empfan-
gen hat. Dabei entscheidet jeder selbst, welche Dinge aus
seinem Kenntnis- und Erfahrungszusammenhang wichtig und
geeignet sind.
 
Nun sind Lollis Ihr Hauptding geworden.
 
Die Lollis haben sich 1993 über abgenutzte Teigschaber, die
mich an Hochstände erinnerten, notwendig eingereiht. Sie
sind seitdem Hauptgegenstand meines Schaffens als Skulptu-
ren, Installationselemente, in Radierungen...
 
Wenn ein Lolli Sie an einen Hochstand erinnert, denken Sie
bei allen Vorkommnissen in der Welt an Hochstände?
 
So rigoros sicher nicht. Das Auswählen, das scheinbar zufällige
Zusammentreffen von Qualitäten und Hintergründen, auch das
Verwerfen, wenn eine Entscheidung sich als nicht tragfähig
erweist, da nicht PANNONISCH, machen die Prozesse span-
nend und wohltuend, aber auch zweiflerisch und mühsam.
 
Wieviele Lollis haben Sie geschaffen und wie viele PANNONISCHE
Mützen?
 
Ich habe die Lollis nicht gezählt, aber es werden einige tausend sein.
Kleinste aus Ton, mittlere aus Seidenpapier, aus Fallschirmseide mit
verschiedensten Füllmaterialien, große aus Fallschirmseide, auf
Eibenholz montiert, aus Eisenblech usw.. Auch die pannonischen
Mützen habe ich nie gezählt, es sind gewiß einige hundert. Einige
befinden sich im Besitz werdender PANNONEN.
 
Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie verrückt sind?
 
Natürlich bin ich ver-rückt. Es wäre schrecklich für mich, wenn ich
mich im Wahnsinn der Normalität aufhalten müsste.
 
Wann arbeiten Sie? Und wann schlafen Sie? Und was träumen Sie?
Vom Hochstand?
 
Ich arbeite gerne in die Nacht hinein bis in den werdenden Tag. Ich
arbeite schubweise, denn manche Vorgänge kann ich nicht unterbre-
chen. Dann aber schlafe ich wieder. Was ich träume sage ich nicht.
 
Wenn alle Menschen einen Hochstand hätten, wären sie dann
glücklicher?
 
Allein durch den Besitz sicher nicht, aber denkbar ist, daß viele
Menschen weniger unglücklich wären, wenn ihr Leben durch ein
zweckfreies Handeln bereichert wäre...